Bündnis gegen Abschiebehaft Rottenburg / Tübingen

Schwerkrank durch Europa mit dem Fahrrad

(03.07.2009 10:10) Seit mehreren Wochen haben wir Herrn H. aus Bosnien besucht. Er ist seit Jahren mittellos und mit dem Fahrrad durch Europa unterwegs. Er floh vor dem Jugoslawienkrieg und dessen Folgen, später erkrankte er an Kehlkopfkrebs. Nach einer ersten Operation in Bosnien versucht er seither eine Nachuntersuchung und Folgebehandlungen zu erhalten. Doch bisher wurde er immer nur eingesperrt und abgeschoben.

Nachdem Herr H. in der Rottenburger Abschiebehaft untersucht und für gesund bzw. „abschiebefähig“ erklärt worden war, haben wir Kontakt zu einem Arzt in Wien aufgenommen. Dieser hatte Herrn H. im Frühjahr diesen Jahres untersucht, als er in Wien in Abschiebehaft war. Er ordnete einen sofortigen Eingriff zur Gewebeentnahme an. Daraufhin wurde Herr H. jedoch freigelassen und konnte deshalb -mittellos und ohne Aufenthaltsstatus- wieder nicht operiert werden. Der Untersuchungsbericht aus Wien liegt uns vor, ein von uns konsultierter Tübinger Facharzt hat aufgrund dieses Berichtes dringenden Handungsbedarf festgestellt!

Wir haben uns mithilfe eines Anwaltes für Herrn H. eingesetzt, doch mittlerweile wurde er in die JVA Ravensburg verlegt. Herr H. soll eine mehrmonatige Haftstrafe absitzen. Die ihm vorgeworfenen Straftaten sind illegale Einreise und illegaler Aufenthalt und der Diebstahl einer Jacke, den er im letzten Winter begangen hat, um nicht zu erfrieren.

Herr H. hat uns seine Lebensgeschichte aufgeschrieben und darum gebeten, diese zu veröffentlichen.
Wir werden ihn auch weiterhin besuchen und setzen uns für seine medizinische Behandlung und seine Freilassung ein.

Ich wurde im November 1962 in Bosnien geboren. Vor dem Krieg habe ich mit meiner Familie ganz normal in einer kleinen Stadt in Bosnien gelebt. Wir hatten ein glückliches Leben, uns hat es an nichts gefehlt. Ich habe eine Berufschule absolviert, von Beruf war ich KFZ- Mechaniker. Ich arbeitete gemeinsam mit meinem Bruder, er war ebenfalls KFZ-Mechaniker. Wir hatten ein Haus, ein Auto, eine KFZ-Werkstatt. In den 80-er Jahren kam ich oft nach Deutschland, um Autoteile zu kaufen. Niemals bin ich mit dem Gesetz in Konflikt geraten. In Bosnien war ich eine angesehene Person, ich hatte keine Probleme. Damals gab es noch Jugoslawien. Niemand war obdachlos oder arbeitslos. Jetzt ist mir so schwer, ich schäme mich so für die Lage, in der ich mich befinde. Als der Krieg begann, lebte ich in meiner Stadt und alle wurden einberufen. Alle mussten zur Waffe greifen. Der Krieg begann überraschend und keiner konnte ahnen, was in Bosnien geschehen würde. Zivilisten, Kinder und alte Personen, unzählige Flüchtlinge haben sich auf den Weg gemacht nach Kroatien, wo der Krieg fast zu Ende war. Flugzeuge flogen und warfen Bomben, und ich verlor den Kontakt zu meiner Familie, meinem Bruder und meinen Eltern, meiner Schwester und meiner Frau. Jeder Tag schien lange wie ein Jahr, telefonische Leitungen waren unterbrochen. Ich hatte wenig Zeit zum Nachdenken, wo sich meine Familie befindet. Ich musste schauen, wie ich diesen schrecklichen Krieg überleben konnte. Die Monate vergingen, und ich hatte keine Ahnung, was mit meiner Familie passiert war. Meine Stadt wurde von der serbischen Armee eingenommen, und wir zogen in die benachbarte Stadt, die noch frei war und wo sich die bosnische und kroatische Armee befand. Ich wurde zwei mal verwundet. Ich habe Glück gehabt und überlebt, aber ich verlor meine Liebsten. Sie sind auf dem Weg nach Kroatien umgekommen. Ich konnte das nicht fassen, ich habe nie geahnt, dass ich in so eine Situation geraten könnte.

Mir ist es gelungen, die Front zu verlassen, und ich ging über Kroatien nach Ungarn und dann weiter nach Tschechien. Ich besaß einen Ex-JY-Pass, mit dem ich bis in die Tschechoslowakei gekommen bin. Ich habe einen Fahrschein nach Deutschland gekauft. An der deutschen Staatsgrenze hat man mich aber nicht in die BRD reingelassen. Ich bekam einen Stempel in den Pass und musste zurück in die Tschechoslowakei. Ich fuhr bis Prag und setzte mich in den nächsten Zug nach Deutschland. Im Zug waren sehr viele Menschen, alle Plätze waren besetzt. Ich ging in ein Abteil, wo sich eine deutsche Familie befand, Ehepaar mit zwei Kindern. Sie waren aus Dresden. Ich habe sie gebeten, mich unter der Sitzbank zu verstecken. Ich konnte deutsch sprechen (zum Glück!) und konnte ihnen erklären, dass ich vor dem Krieg fliehe. Ich habe ihnen meinen Pass gezeigt. Sie haben mir erlaubt, mich zu verstecken. Ich konnte kaum glauben, dass es solche Menschen gibt, die mir so helfen wollen. Nach einiger Zeit kam die Genzpolizei in unser Abteil, sie wollten die Pässe sehen. Als sie bemerkten, dass da eine deutsche Familie sitzt, sind sie gleich weitergegangen. Der Mann hat mir geraten, in meinem Vesteck zu bleiben, er würde mir sagen, wenn die Polizei ganz weg sei. So habe ich gewartet, bis die Familie mir ein Zeichen gab. Sie haben mich gefragt, wohin ich reisen wolle, ich habe gesag, nach Hamburg. Es war Sommer, sie haben mir eine Wassermelone geschenkt und Getränke! Ich war sehr froh, ich hatte zwei Tage nichts gegessen. Sie haben mir ihre Adrese und Telefonnummer gegeben. In Dresden haben wir uns mit Tränen in den Augen verabschiedet. Ich konnte nicht glauben, dass jemand so eine Wohltat machen kann. Ich denke oft an diese Familie und würde sie gerne wiedersehen, doch ich habe leider ihre Adresse verloren.

Ich hatte meine Familie verloren und war sehr einsam und ohne Ziel, ich konnte nicht glauben, daß dies alles Realität ist. Ich habe in Hamburg Asyl beantragt. In dieser Zeit in Hamburg habe ich angefangen zu trinken, mit meinen Landsleuten. So haben wir uns getröstet, während der Krieg in Bosnien zu Ende ging. Nach drei Jahren wurde mein Asylantrag abgelehnt und ich ging zurück nach Bosnien. Dort erfuhr ich, wo meine Frau und mein Sohn sich aufhalten, die als einzige den Krieg überlebt hatten. Ich konnte nicht ahnen, daß damals mein Leidensweg erst begann. Als ich heimkam, war alles verwüstet und zerstört. Ich versuchte, mich einzuleben und ein einigermaßen normales Leben zu führen, aber es gelang mir nicht. Ich sah, was da alles passiert: viele Waffen wurden verkauft. Viele sind im Krieg reich geworden, doch die meisten haben alles verloren, was sie ihr ganzes Leben lang gespart oder sich angeschafft hatten. Ich habe auch gesehen, dass die Polizisten korrupt sind, und dass sie mehr Zeit in den Wirtschaften verbringen als auf den Straßen. Ich habe gegen zwei Polizisten ausgesagt, weil ich mitbekommen hatte, dass sie bestechlich waren und Waffen verkauft hatten. Ich habe eine Aussage beim Polizeidirektor gemacht, weil ich dachte, das Gesetz sei auf der Seite der Bürger, aber das war leider nicht so. Ein paar Leute hatten in jeder Stadt das Sagen, sie hatten ihre korrupte Polizei auf ihrer Seite, und es ging darum, in kurzer Zeit soviel Geld wie möglich zu machen. Die zwei Polizisten hatten erfahren, dass ich gegen sie ausgesagt hatte, und so hatte ich viele Probleme. Sie drohten, mich umzubringen, und so musste ich wieder nach Europa fliehen, um mich in Sicherheit zu bringen. Doch sie haben eine Bombe auf das Haus meiner Familie geworfen, als diese nicht da waren, und seither lebten auch sie in Angst vor diesen Mafiosi. Es war nicht leicht für mich, ich wusste, dass ich keine Chance auf Asyl und einen sicheren Aufenthalt hatte. So war ich in ständiger Flucht vor der Polizei, dort in Bosnien und hier, weil sie mich wieder dorthin abschieben würden. Bisher wurde ich neun mal von Deutschland aus abgeschoben, aber ich bin immer wieder hergekommen, weil sich in Bosnien nicht geändert hatte. So verging Jahr für Jahr. Ich war immer mit dem Fahrrad unterwegs, es war nicht leicht ohne Geld, es war kalt, im Winter habe ich oft in leerstehenden Häusern übernachtet, im Sommer oft im Donau- oder Rheintal. Ich stellte einen Asylantrag in Dänemark -abgelehnt und abgeschoben, in Holland -abgelehnt und abgeschoben, in Belgien -abgelehnt und abgeschoben. Nirgendwo habe ich eine Chance bekommen, da zu bleiben, alle sagten, der Krieg sei doch vorbei. Das stimmt schon, aber die sozialen Probleme und die Korruption sind Realität. Das weiß ganz Europa, aber niemand kann was machen, damit die Menschen dort normal leben können… Ich habe mal versucht, in Bosnien als Schreiner zu arbeiten, ich arbeitete drei Monate und bekam Lohn für einen, konnte davon kaum überleben. Hätte ich diese Probleme mit der Mafia nicht gehabt, wäre ich aber nie in diese Situation geraten, die ich durchmachen musste.

Dann passierte das Schlimmste, ich erkrankte an Kehlkopfkrebs. Ich wurde in Bosnien operiert und verschuldete mich, 5000€ kostete die Operation. Die Leute, die mir das Geld geliehen hatten, wollen es nun mit Zinsen zurück, doch ich habe kein Geld und kann es nicht zurückzahlen. Ich hätte auch nochmals operiert werden sollen, doch weil ich nicht bezahlen konnte, wurde mir die Behandlung verweigert. So setzte ich mich aufs Fahrrad und fuhr wieder nach Europa. Ich hoffte, hier sei es leichter mit der OP als in Bosnien. In Österreich wurde ich kontrolliert und musste in Abschiebehaft. Ich wurde dann in Wien ins Krankenhaus gebracht und untersucht. Der Arzt sagte, dass eine Operation dringend nötig sei und gab mir einen Termin. Daraufhin wurde ich sofort aus der Abschiebehaft entlassen. Ich bin zu dem Termin ins Krankenhaus gegangen, doch mir wurde mitgeteilt, dass niemand die Operation bezahlen würde, weil ich keinen Aufenthaltstitel habe. Traurig bin ich zurück nach Bosnien gefahren und besuchte dort meine Familie für zwei Wochen. Dann habe ich erfahren, dass ich in der Schweiz eine Chance hätte, meinen Tumor operieren zu lassen, aber leider wurde ich unterwegs festgenommen, und nun sitze ich in der Abschiebehaft. Immer dieselbe Geschichte, Abschiebung nach Bosnien…

Die ganze Zeit denke ich nach, wie es mit mir weitergehen soll. Ich mache mir große Sorgen, was mir mir geschehen wird, wie lange muss ich noch leiden und mir überlegen, was der nächste Tag bringt?
Zur Zeit bin ich in Rottenburg eingesperrt, und ich warte, ob ich operiert oder abgeschoben werde. Manchmal wünsche ich mir, es gäbe mich nicht mehr, weil ich weiss, was passieren wird, wenn ich wieder nach Bosnien abgeschoben werde…

Doch ich werde wieder einmal positiv denken, denn wäre ich kein positiver Mensch, wäre ich sicherlich nicht so oft mit dem Fahrrad von Bosnien nach Deutschland gefahren. Ich bin überzeugt, dass man trotz Krankheit mit starkem Willem und viel Geduld alle Hindernisse bewältigen kann. Keine Maschine ist so stark wie ein Mensch! Ich habe ganz Europa mit dem Fahrrad bereist. Die Umstände dieser Reisen waren mehr als schrecklich. Ohne Geld, ohne Gepäck. Trotzdem habe ich immer wieder überlebt und ausgehalten. Ich habe Hilfe erhalten, von Landsleuten und Fremden. Egal welche Nationalität sie hatten, alle haben sie mir geholfen, mit Kleidung oder Nahrungsmitteln, manchmal sogar mit einer Übernachtung oder einer warmen Dusche. Ich habe mich oft sehr geschämt, aber ich habe keine andere Wahl, ich muss überleben, mit der Hoffnung, dass irgendwann alles besser wird. Gottseidank gibt es oft Menschen, die meine Situation verstehen, weil sie aus der gleichen Gegend kommen wie ich.
Für diesmal soweit, ich hoffe, ich habe mal wieder die Kraft, weiter zu schreiben.
Es ist nicht leicht, sich an die Vergangenheit zu erinnern.

 
bga/blog/durch_europa_mit_dem_fahrrad.txt · Zuletzt geändert: 08.07.2009 11:18 von euro
 
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