Bündnis gegen Abschiebehaft Rottenburg / Tübingen

Erneuter Selbstmordversuch nach Abschiebung

Name: Ali Bal

  • Alter: --
  • wurde nach 10 Jahren in Deutschland in die Türkei abgeschoben
  • war ? Tage inhaftiert in Rottenburg
  • Kriegsdienstverweigerer; Abschiebung trotz Suizidgefahr

    (15.11.2008 13:00) Im Abschiebegefängnis Rottenburg versuchte Ali Bal Anfang August sich umzubringen, in dem er Teile seiner Zelleneinrichtung in Brand setzte. Er wurde daraufhin in Untersuchungshaft genommen. Trotz seiner psychischen Situation, die eine Haftentlassung nahelegte, wurde er am 28.8.2008 direkt aus dem Gefängniskrankenhaus Hohenasperg in die Türkei abgeschoben - nach 10 Jahren in Deutschland. Dort wurde er zum Militär eingezogen und hat erneut versucht, sich umzubringen.

    Diese Abschiebung war besonders inhuman, da Herr Bal sich nach unserem Ermessen in einer gefährlichen psychischen Situation befand und immer noch befindet.

    Laut SWR-Berichten vom 1.9.2008 „hatte die Staatsanwaltschaft Tübingen […] den Haftbefehl […] wieder aufgehoben“, worauf hin er unmittelbar abgeschoben wurde.

    Wir haben ihn am 30.8.2008 telefonisch in der Türkei erreicht. Was er uns schilderte ist skandalös und hat selbst uns schockiert. Am Morgen des 28.8.2008 wurde er von der Polizei aus Hohenasperg abgeholt. Ihm wurde gesagt, er würde zurück nach Rottenburg in die Abschiebehaft gebracht. Tatsächlich fuhr das Auto jedoch zum Stuttgarter Flughafen. Er sei an Armen und Beinen gefesselt gegen seinen Willen in das Flugzeug gezwungen worden. Zuerst hatte er versucht sich zu wehren, dann aber aus Angst vor den zwei von einem Arzt begleiteten Polizisten, den Widerstand aufgegeben.

    In Istanbul sei er für Stunden verhört und auch verletzt worden. Nach der Freilassung sei er mittellos gewesen und bei einer Familie untergekommen, die er zufällig auf der Strasse kennengelernt hätte.

    Er sprach unmittelbar nach der Abschiebung von seiner Perspektivlosigkeit und äußerte Selbstmordgedanken.

    „Auch dem Stuttgarter Regierungspräsidium und seiner Bezirksstelle für Asyl war bekannt, dass der 20-Jährige selbstmordgefährdet war“ zitiert das Schwäbische Tagblatt vom 2.9.2008 einen Pressesprecher des Regierungspräsidiums. Eine solche Gefahr spreche aber im Grundsatz nicht gegen eine Abschiebung.

    In einem Gespräch Anfang November informierte er uns, dass er im Wachdienst eingesetzt worden sei, was immer wieder zu Konflikten geführt habe. In der Folge sei er auch geschlagen worden. Nach dem er bei einer Schießübung erneut einen Selbstmordversuch unternommen hat, wurde er in ein psychiatrisches Militär-Hospital überstellt:

    Schwäbisches Tagblatt 18.11.2008: Schläge beim Militär. Abgeschobener Türke soll erneut einen Suizid versucht haben

    Wir sind äußerst betroffen und verurteilen diese besonders inakzeptable und inhumane Abschiebung aufs Schärfste!



    Wir hatten um die Versendung der folgenden Protestemail gebeten.




    Betr.: Abschiebung nach Selbstmordversuch

    Innenministerium Baden-Württemberg
    Innenminister
    Heribert Rech
    innenminister@im.bwl.de

    Sehr geehrter Herr Rech,

    am 05.08.2008 unternahm ein Insasse der Abschiebehaft in Rottenburg einen Selbstmordversuch, indem er in seiner Zelle ein Feuer entfachte. Dabei kam es glücklicherweise zu keinen schwerwiegenden Verletzungen.

    Während seine Mutter in Deutschland eine Aufenthaltserlaubnis hat, wurde er nach Vollendung des 18. Lebensjahres zum ersten Mal in die Türkei abgeschoben. Der aus dem kurdischen Gebiet stammende Alevite sagte, dass er in Istanbul bereits damals am Flughafen verhört worden sei. Man habe ihm auf Grund seines Geburtsortes unterstellt, dass er für die kurdische Opposition gearbeitet hätte. Aus Angst ist er schon wenige Tage später wieder nach Deutschland eingereist, was aus Sicht deutscher Behörden illegal erfolgte. Er sei danach in psychologischer Behandlung gewesen. Zeitgleich habe er aber auch stark unter der strengen Meldepflicht gelitten, die für ihn immer wieder zu aufenthaltsrechtlichen Problemen geführt habe.

    Der junge Mann lehnt es ab, in der Türkei Kriegsdienst zu leisten. Er ist Pazifist und will weder als Kurde auf Kurden schießen, noch auf sonst irgendwen. Damit drohen ihm Inhaftierung und weitere Repressionen in der Türkei. Aus Angst hat er deshalb darum gebeten auf die Nennung seines Namens in der Öffentlichkeit zu verzichten.

    Darüber hinaus hat er nach dem Tod seines Vaters dort keine Bezugspersonen mehr. Seine Mutter lebt ebenso wie seine Geschwister in Deutschland.

    Am Tag des Selbstmordversuchs sah er keinen Ausweg mehr aus der seit Jahren auf ihm lastenden Bedrohungssituation. Nach der Entzündung des Feuers habe er damit gerechnet, dass er sterben werde. Als seinen Zelle geöffnet wurde und er den Tumult und die hustenden Menschen bemerkte, bedauerte er, auch andere Menschen in Gefahr gebracht zu haben.

    Nach dem Selbstmordversuch wurde der junge Mann, dessen Namen zu seinem eigenen Schutz nicht öffentlich gemacht wurde, in das Gefängniskrankenhaus nach Hohenasperg verlegt. Er war in einer - nach einem Selbstmordversuch unangemessenen - 5-Personen-Zelle inhaftiert und unterlag den strengen Bedingungen der U-Haft. Nach Einschätzung von Mitarbeitern des 'Bündnis gegen Abschiebehaft' befand er sich aber schon zu diesem Zeitpunkt in äußerst Besorgnis erregender psychischer Verfassung und hätte aus der Haft entlassen werden müssen. Er wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, ob Angehörige verständigt sind. Verwandte konnten ihn erst Tage später besuchen. Seiner Mutter wurde auf Grund der U-Haft-Bedingungen nicht erlaubt, sich mit ihm auf türkisch zu unterhalten.

    Laut SWR-Berichten vom 1.9.2008 hat 'die Staatsanwaltschaft Tübingen […] den Haftbefehl [in der Woche zuvor] wieder aufgehoben', worauf hin der junge Mann am Donnerstag 28.8.2008 abgeschoben wurde. In einem Telefongespräch mit dem 'Bündnis gegen Abschiebehaft' beschrieb er, wie er früh morgens von der Polizei aus Hohenasperg abgeholt wurde. Ihm sei gesagt worden, dass er wieder zurück nach Rottenburg in die Abschiebehaft gebracht würde. Tatsächlich fuhr das Auto jedoch zum Stuttgarter Flughafen. Er sei - an Armen und Beinen gefesselt - gegen seinen Willen in das Flugzeug gezwungen worden. Zuerst hatte er versucht sich zu wehren, dann aber - aus Angst vor den zwei von einem Arzt begleiteten Polizisten - den Widerstand aufgegeben.

    In Istanbul sei er nach der Ankunft am Flughafen erneut für Stunden verhört und verletzt worden. Nach der Freilassung sei er mittellos gewesen und bei einer Familie untergekommen, die er zufällig auf der Straße kennengelernt hatte. Offensichtlich ist weder für psychologische Betreuung noch für sonstige Absicherung seiner Lebenssituation gesorgt worden.

    Er sprach von seiner Perspektivlosigkeit und äußerte in dem Telefongespräch erneut Selbstmordgedanken.

    'Auch dem Stuttgarter Regierungspräsidium und seiner Bezirksstelle für Asyl war bekannt, dass der 20-Jährige selbstmordgefährdet war', wurde im Schwäbische Tagblatt vom 2.9.2008 ein Pressesprecher des Regierungspräsidiums zitiert. Eine solche Gefahr spreche aber im Grundsatz nicht gegen eine Abschiebung.

    Diese Rechtslage oder Rechtsauslegung ist ein unglaublicher Skandal für ein Baden-Württemberg im 21. Jahrhundert! Wir können aus diesem Zitat nur die Schlussfolgerung ableiten, dass das Menschenleben eines Nicht-Deutschen in diesem Fall als irrelevant eingestuft wurde. Es ist offensichtlich fahrlässig, selbstmordgefährdete Menschen abzuschieben. Es ist zynisch, Abschiebeflüge von einem Arzt begleiten zu lassen, sich aber nicht dafür zu interessieren, was hinterher passiert.

    Ich bin äußerst betroffen und verurteile diese besonders inakzeptable und inhumane Abschiebung aufs Schärfste!

    Ich fordere, dass der junge Mann aus humanitären Gründen wieder einreisen und bei seiner Familie leben kann. Aufenthaltsrechtliche Bestimmungen dürfen nicht über Menschenleben gehen. Zudem erwarte ich die restlose Aufklärung der Umstände, die zu dieser unhinnehmbaren Härte geführt haben.

    Mit freundlichen Grüßen

    Adressen

    Informationen zum Brand in der Abschiebehaft Rottenburg

    Brennpunkt Abschiebehaft(18.08.2008) Am 5.8.08 hat gegen 20 Uhr ein Inhaftierter im Abschiebetrakt der Rottenburger JVA einen Selbstmordversuch unternommen. (vgl. Artikel des „Schwäbischen Tagblatt“ vom 06.08.2008) Aus Verzweiflung über seine bevorstehende Abschiebung im September wollte er sich selbst das Leben nehmen, indem er ein Feuer entfachte. (vgl. Artikel des „Schwäbischen Tagblatt“ vom 07.08.2008 und 08.08.2008) Nun droht ihm behördlicherseits eine Haftstrafe wegen Brandstiftung.

    Situation des Betroffenen

    Nach einem zweistündigen Gespräch am 12.8.2008 im Justizvollzugskrankenhaus Hohenasperg besteht für uns kein Zweifel daran, dass der Betroffene sich wirklich in einer psychischen Notsituation befand. Er erschien uns während des Besuchs als psychisch labil und wenig konzentrationsfähig.

    Als Jugendlicher ist er mit der Mutter aus der Türkei nach Deutschland gekommen. Während seine Mutter in Deutschland eine Aufenthaltserlaubnis hat, wurde er mit 18 in die Türkei abgeschoben.

    Der aus dem kurdischen Gebiet stammende junge Mann alevitischer Konfession sagte uns, dass er in Istanbul bereits am Flughafen verhört und auch geschlagen worden sei. Man habe ihm auf Grund seines Geburtsortes unterstellt, dass er für den kurdischen Widerstand gearbeitet hätte. Aus Angst ist er schon wenige Tage später wieder nach Deutschland eingereist, was aus Sicht deutscher Behörden illegal erfolgte. Er sei danach in psychologischer Behandlung gewesen, zugleich aber unter einer strengen Meldepflicht gestanden, die für ihn immer wieder zu aufenthaltsrechtlichen Strafverfahren und Gefängnisaufenthalten geführt habe.

    Der junge Mann lehnt es ab, in der Türkei Kriegsdienst zu leisten. Er ist Pazifist und will weder als Kurde auf Kurden schießen, noch auf sonst irgendwen. Damit drohen ihm Inhaftierung und weitere Repressionen in der Türkei. Aus Angst hat er uns gebeten auf die Nennung seines Namens in der Öffentlichkeit zu verzichten.

    Darüber hinaus hat er nach dem Tod seines Vaters dort keine Bezugspersonen mehr dort. Seine Mutter lebt ebenso wie seine Geschwister in Deutschland.

    Am Tag des Selbstmordversuchs sah er keinen Ausweg mehr von der seit Jahren auf ihm lastenden Bedrohungssituation. Während des Feuers habe er sich eine Zigarette angezündet und damit gerechnet, dass er sterben würde. Als seinen Zelle geöffnet wurde und er den Tumult und die hustenden Menschen bemerkte, habe er bedauert, auch andere Menschen in Gefahr gebracht zu haben.

    Nach dem Selbstmordversuch kam er zunächst in die Tübinger Medizinische Klinik. Von dort brachten ihn Polizisten zu einem Richter und ins Gefängniskrankenhaus Hohenasperg, wo er in einer 5er-Zelle inhaftiert ist. Er stand bevor wir ihn besuchten eine Woche unter Kontaktsperre und wusste nicht, ob Angehörige verständigt sind. Verwandte konnten ihn auf Grund von Formalien sogar erst 2 Tage nach uns besuchen.

    Nun droht eine Haftstrafe wegen Brandstiftung, an dessen Ende die Abschiebung stehen würde. Ihm sei mitgeteilt worden, dass er dieser u.U. entgehen könnte, wenn er „freiwillig“ ausreisen würde.

    Das Bündnis gegen Abschiebehaft fordert die unverzügliche Entlassung aus Hohenasperg. Eine Gesundung nach einem Selbstmordversuch setzt Ruhe und Sicherheit voraus, die in einem Gefängniskrankenhaus nicht gegeben sein kann. Wir erwarten eine schnelle Konsolidierung seines Aufenthaltsstatus. Verwaltungs- und aufenthaltsrechtliche Bestimmungen dürfen nicht Menschenleben gefährden!

    Kontext

    Es hat in der Vergangenheit immer wieder Selbstmorde in Abschiebehaft gegeben, es ist nur ein glücklicher Zufall, dass es in Rottenburg bei entsprechenden Versuchen geblieben ist. Die von der Gefängnisleitung in Rottenburg bemerkte grundsätzliche Entspannung können wir nicht sehen, da die Abschiebehäftlinge sich nach wie vor in einer unmenschlichen Belastungssituation befinden. Der Freiheitsentzug, die Trennung von Freunden und Familie, die monatelange Ungewissheit, die drohende Abschiebung in längst fremd gewordene Herkunftsstaaten und das perspektivlose Herausgerissenwerden aus dem aufgebauten Leben - all das führt unserer Meinung nach permanent zu den unterschiedlichsten psychischen Ausnahmesituationen.

    Brennpunkt Abschiebehaft

    Reaktionen

    29.09.2008 Leserbrief Schwäbisches Tagblatt

    27.9.2008 per Post

    Sehr geehrter Herr —–,

    Ihren Brief in der Zeitung vom 20.8. habe ich weitergeleitet, er hat mich sehr berührt. Nun habe ich Antwort erhalten. Vielleicht gibt es ja doch einen Weg, den jungen Mann nach Deutschland zurück zu holen.

    Mit freundlichen Grüßen

    —– —– (Tübingen)

    07.09.2008 per Post

    An das
    Bündnis gegen Abschiebehaft
    —– —–
    Betr. Abschiebung eines junge Türken

    Sehr geehrter Herr —–,

    Zunächst: Dank und Anerkennug für den Einsatz des „Bündnis gegen Abschiebehaft“ auch in diesem schwerwiegenden Fall.

    Das „Bündnis“ wird auch weiterhin die Öffentlichkeit über den Fortgang des Geschehens informieren. Wichtig vor allem: Die Reaktion des Innen- und Justizministeriums auf Ihren Protestbrief. Auf welche Bestimmungen beruft sich das Ministerium bei der erneuten Abschiebung und ihrer inakzeptablen Begleitumstände? Welche Bestimmungen, die gegen ein solches Vorgehen sprechen, wurden evt. außer Acht gelassen? Wo wurde ein möglicher Ermessensspielraum nicht genutzt?

    Die Öffentlichkeit hat ein Recht, die „restlose Aufklärung der Umstände, die zu dieser unhinnehmbaren Härte geführt haben“ zu fordern und darüber informiert zu werden.

    Wenn es etwas gibt, was hilfreich ist und das ich tun kann, informieren Sie mich bitte.

    Ich grüße Sie

    —– —–

    05.09.2008 22:04 Hallo!

    Ich habe heute mit Ali telefonieren können.

    Es geht ihm nicht so gut.

    Als die deutsche Beamten ihn an türkische Beamten übergeben haben, haben sie den Türken mitgeteilt, dass Ali selbstmordgefährdet ist. Deswegen soll man ihn nicht sofort zum Militärdienst schicken. Daraufhin haben sie ihm 10 Tage Frist gegeben, damit er sich beim Militär meldet. Er besitzt keinen Ausweis oder Pass.

    Ich habe ihm gesagt, dass wir ihm 100,- Euro überweisen. Er hat sich bedankt.

    Dazu habe ich berichtet, dass seine Geschichte ohne Name an der Presse gekommen ist. Er fragte: Warum ohne Name, obwohl er mehrmals den Name veröffentlichen wollte. Er sagte dazu: Warum verstecken? Es ist alles Wahrheit. Mit welchem Recht dürfen die Polizisten mich schlagen? Oder jemand anders? Ich habe unsere Besorgnis weitergeleitet. Er sagte: Mit mir haben sie alles gemacht. Was können sie noch mehr machen?

    Grüße

    —– (Bündnis gegen Abschiebehaft)

    05.09.2008 17:17

    Ich habe den Bericht von diesem Abschiebevorgang im Schwäbischen Tagblatt gelesen und war entsetzt über die rigorose Behandlung dieses jungen Menschen. Es hätte ja auf jeden Fall ein Gerichtsverfahren stattfinden müssen, ist meine Meinung.

    Mit bestem Gruß

    —— ——
    —— ——
    72076 Tübingen

    05.09.2008 16:17

    Hallo, danke fuer eure Infos und eure Arbeit. Moechte gerne weiterhin Infos und Aufforderungen zur Mithilfe bei Protestaktion erhalten

    —— ——

    05.09.2008 12:24

    Sehr geehrter Herr ——

    wir haben Ihre Stellungnahme vom 4. September 2008 zur Kenntnis genommen.

    Wir weisen Sie darauf hin, dass die Ausländerbehörden für sämtliche Fragen des Aufenthaltsrechts, das heißt für die Ausweisung und Abschiebung bzw. mögliche Wiedereinreise, zuständig sind.

    Mit freundlichen Grüßen

    Dr. —— —— (Justizministerium)

    04.09.2008 05:13

    Sehr geehrte —— ——, sehr geehrte/r Frau/ Herr —— —— (Justizministerium)

    wie angekündigt, übersende ich Ihnen zur Kenntnisnahme unsere Stellungnahme zu der Abschiebung des jungen Mannes, der in der Rottenburger Abschiebehaft einen Selbstmordversuch unternommen hatte und mittlerweile abgeschoben wurde.

    Mit freundlichen Grüßen

    Bündnis gegen Abschiebehaft

    03.09.2008 10:32

    Sehr geehrte ——- ——, sehr geehrte/r Frau/ Herr —— —— (Justizministerium),

    vielen Dank für Ihre Antwort vom 3.9.08. Die datenschutzrechtlichen Vorgaben akzeptieren wir selbstredend vollkommen. Es ging uns mit unserer Petition - die sie sich vielleicht nochmals genauer ansehen sollten - auch nicht darum, Informationen über den Betroffenen zu erlangen, sondern seine Abschiebung zu verhindern. Begründet hatten wir das mit der bestehenden Selbstmordgefahr. 

    Diese Abschiebung wurde mittlerweile skandalöserweise  bereits vollzogen, worauf wir mit einer gesonderten Petition / Stellungnahme reagieren, die ich Ihnen zur Kenntnisnahme ebenfalls demnächst übersenden werde.

    Mit der Rechtslage bezüglich Abschiebungen sind wir weitgehend vertraut. Dennoch kritisieren wir - wie Ihnen klar sein dürfte -  die diesbezüglichen Gesetze aus grundsätzlichen humanitären Erwägungen.

    Trotz bundeslandspezifischen Differenzen im Justizvollzug kann ich Ihnen dennoch nicht dahingehend folgen, dass in Baden-Württemberg Selbstmorde in Abschiebehaft unwahrscheinlicher als anderswo in Deutschland wären. Zwischen 1.1.1993 und 31.12.2007 haben sich bundesweit nachweislich 56 Menschen in Abschiebehaft das Leben genommen. Zuletzt erhängte sich etwa der  28-jährige Mohamed Mechergui am 30.12.2007 in der Abschiebehaft Berlin. Auch in Baden-Württemberg hat es in den vergangenen Jahren immer wieder Suizidversuche gegeben. Mehr haben wir nicht behauptet und ist unseren Ermessens auch nicht notwendig, um daraus entsprechende Schlussfolgerungen zu ziehen.

    Darüber hinaus ist für uns aber nach wie vor unfasslich, dass ein selbstmordgefährdeter Mensch unmittelbar nach dem Selbstmord in einer  5er-Zelle untergebracht wird.  Wieso er wegen eines - wie später festgestellt - minder schweren Deliktes in dieser kritischen Situation den strengen Bedingungen der U-Haft unterworfen werden musste und ob die damit einhergehende Kontaktsperre nicht vermeidbarerweise einen Folge-Selbstmordversuch wahrscheinlicher machte, bleibt Ihrerseits zu klären. Auch dass die Mutter unmittelbar nach dem Selbstmordversuch auf Grund von Formalien erst Tage später ein Besuchserlaubnis erhielt, danach aber nur auf deutsch mit ihm sprechen durfte, wirkt in Anbetracht der Umstände auf uns inhuman und fahrlässig. 

    Mit freundlichen Grüssen

    Bündnis gegen Abschiebehaft

    03.09.2008 08:02

    Sehr geehrter Herr —— ——,


    Ihre beiden gleichlautenden E-Mails vom 27. August 2008 an Herrn Ministerialdirektor Steindorfner wurde zuständigkeitshalber an die Abteilung Justizvollzug zur Bearbeitung weitergeleitet.

    
Wir bitten Sie um Verständnis, dass wir Ihnen aus datenschutzrechtlichen Gründen keine personenbezogenen Daten von Gefangenen mitteilen können. 
Wir möchten jedoch darauf hinweisen, dass die Abschiebungshaft nur aufgrund richterlicher Anordnung vollzogen wird. Die Abschiebungsgefangenen werden unter ordnungsgemäßen Haftbedingungen untergebracht.

    
Entgegen Ihrer Behauptung waren in den letzten Jahren keine Suizide von Abschiebungsgefangenen in Baden-Württemberg zu beklagen. 
 Mit freundlichen Grüßen

    —– —– (Justizministerium)

    Petition 25.08.2008

    18.08.2008 Leserbrief Schwäbisches Tagblatt

    Was muss passieren, damit ein Mensch nicht mehr leben will? Vor 10 Jahren kommt ein Jugendlicher mit der Mutter aus der Türkei nach Deutschland. Während sie eine Aufenthaltserlaubnis erhält, wird er 18-jährig abgeschoben und in der Türkei verhört und geschlagen. Aus Angst ist er schon wenige Tage später wieder in Deutschland - aus Behördensicht illegal.

    Er beginnt eine psychologische Behandlung, steht aber zugleich unter strenger Meldepflicht, die immer wieder aufenthaltsrechtlichen Strafverfahren und Gefängnis zur Folge hat. In der Türkei wartet der Kriegsdienst. Als Pazifist, will er weder als Kurde auf Kurden schießen, noch auf sonst irgendwen. Es drohen Inhaftierung und weitere Repressionen in der Türkei, wo es nach dem Tod des Vaters keine Bezugspersonen gibt. Mutter wie auch Geschwister leben in Deutschland.

    Dann die Inhaftierung und Nachricht von der bevorstehenden Abschiebung. Verzweiflung und Auswegslosigkeit, schliesslich ein Selbstmordversuch, an dem wir nach langem Gespräch im Gefängnis Hohenasperg keine Zweifel haben. Wenn jetzt ein Strafverfahren droht, ist das nicht nur zynisch, sondern auch gefährlich.

    Wir fordern die sofortige Haftentlassung. Eine Gesundung nach einem Selbstmordversuch setzt Sicherheit und Vertrautheit voraus, die in einem Gefängnis nicht gegeben sind. Zudem erwarten wir eine schnelle Absicherung seines Aufenthaltsstatus.

    Aufenthaltsrechtliche Bestimmungen dürfen nicht Menschenleben gefährden! Die von der Gefängnisleitung berichtete Entspannung können wir nicht bestätigen: Freiheitsentzug, Trennung von Freunden, die monatelange Ungewissheit, drohende Abschiebung in längst fremd gewordene Regionen und Frustration über das Herausgerissenwerden aus dem aufgebauten Leben führen weiterhin auch zu gravierenden psychischen Problemen.

    Es hat immer wieder Selbstmorde in Abschiebehaft gegeben. Es ist ein glücklicher Zufall, dass es in Rottenburg bislang bei Versuchen geblieben ist.

    — — (Bündnis gegen Abschiebehaft)

    Startseite || Archiv

     
    bga/blog/emailkampagne_zur_abschiebung_nach_selbstmord.txt · Zuletzt geändert: 03.02.2009 19:12 von euro
     
    Recent changes RSS feed Creative Commons License Donate Powered by PHP Valid XHTML 1.0 Valid CSS Driven by DokuWiki