Bündnis gegen Abschiebehaft Rottenburg / Tübingen

26-jähriger nach Russland abgeschoben

Name: Herr V.

  • Alter: 27
  • wurde nach 6 Jahren in Deutschland nach Russland abgeschoben
  • war 46 Tage inhaftiert in Rottenburg
  • war obdachlos und hatte in Russland keine Perspektiven; wollte sich in Deutschland eine neue Existenz aufbauen; wurde von seiner Lebensgefährtin getrennt

    (03.02.2009 18:42) Erstmals Mitte Dezember trafen wir in der Abschiebehaft Herrn V. aus Russland. Er musste unter äußerst schwierigen Bedingungen aufwachsen und hat im Leben bisher viel Pech gehabt. Er hatte uns gebeten, seinen offenen Brief zu veröffentlichen, in dem er selbst seine Situation schildert. Mittlerweile wurde er nach Russland abgeschoben!

    Ich bin 1982 in Russland geboren, in der Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik der Mari.
    Meinen Vater kenne ich nicht, weil er uns früh verlassen hat. Meine Mutter hat getrunken. Ungefähr als ich 9 Jahre alt war habe ich angefangen, auf der Strasse zu leben. Wenn meine Mutter getrunken hatte, hat sie mich rausgeworfen und später dann wieder aufgenommen. Manchmal hat sie mich geschlagen. Mit 10 Jahren hat sie mich dann ganz rausgeworfen.

    Am Anfang ging es sehr schlecht, auf der Strasse zu leben, aber dann habe ich mich daran gewöhnt. Auf der Strasse habe ich auch andere obdachlose Kinder kennengelernt, und wir haben dann gemeinsam auf der Strasse gelebt. Wir haben in Kellern geschlafen und auf Dachböden. Manchmal haben wir gestohlen, um essen zu können, oder wir haben für Essen oder Geld gearbeitet. Wenn wir gearbeitet haben, haben sie uns oft betrogen und nichts gegeben. Manchmal haben wir mit den anderen Obdachlosen aus der Gegend Wodka getrunken. Wir haben Kleber geschnüffelt. Aber nachdem einer von uns an Kleber und Alkohol gestorben war, habe ich aufgehört, Wodka zu trinken und zu schnüffeln.

    Die Miliz hat uns verprügelt, wenn sie uns aus den Kellern vertrieben hat. Auch Passanten und andere Jugendliche verjagten uns oft, wenn wir uns aufwärmen wollten. Wenn wir krank wurden, haben wir uns selbst kuriert. Im Winter bekamen wir oft Krankheiten, weil es da ohne Essen schwieriger ist, die Kälte auszuhalten. Einmal bekam ich am Bein ein Furunkel. Als die Schmerzen nicht mehr auszuhalten waren, nahm ich eine Glasscherbe und schnitt das Furunkel heraus. Es lief Blut und Eiter heraus und mir ging es sehr schlecht. Ich habe ich solche Lumpen gefunden und mir das Bein verbunden.

    Später habe ich angefangen, an Tankstellen Autos aufzutanken. Dafür gab es Geld. Die Tankstellenmitarbeiter haben mich oft weggejagt, aber ich bin wiedergekommen. Ich habe beim Tanken geholfen, obwohl die Autofahrer manchmal weggefahren sind, ohne zu bezahlen.

    Mit 15 Jahren wurde ich von der Miliz bei einer Razzia aufgegriffen und in die Kinderunterkunft gebracht. Weil meine Eltern nicht gefunden wurden, gaben sie mich ins Kinderheim weiter. Selbst dort war es nicht leicht, aber es war besser als auf der Strasse. Man konnte in Betten schlafen, sich waschen und es gab zu essen. Auf der Strasse konnte man sich nach 2 Flaschen Wodka in der Alkoholikerunterkunft waschen. Aber im Kinderheim ging ich zur Schule, es ging mir gut, weil ich nicht darüber nachdenken musste, wo ich Essen und Kleidung herbekommen sollte.

    Nach einem Jahr im Kinderheim wurde ich zur Armee geschickt. Ich habe drei Jahre gedient, aber nach der Armee landete ich wieder auf der Strasse, weil es keinen Ort gab, wo ich hätte leben können.

    Danach ging ich nach Europa. Ich lebte als Flüchtling in Deutschland. Ich habe einige Vergehen begangen, die ich bedauere. Ich saß hier im Gefängnis. Danach wurde ich ohne meine Papiere nach Russland abgeschoben. Aber ich bin nach Deutschland zurückgekehrt, wo ich den Rest meiner Strafe abzusitzen hatte.

    Ja, ich habe in meiner Kindheit keine Liebe und Güte gekannt.

    Ja, ich bin schuldig, ich habe hier Lebensmittel und ein wenig Kleidung gestohlen.

    Ich habe inzwischen mehr oder weniger gut deutsch gelernt und im Gefängnis habe ich verstanden, dass es nicht richtig war, wieder mit dem Stehlen anzufangen.

    Ja, ich will eine Familie haben und Kinder.

    Ich will lieben und geliebt werden.

    Ich will normal leben, wie alle, ohne Kriminalität.

    Wenn ich jetzt abgeschoben und nicht als Flüchtling eingestuft werde, werde ich zurückkehren, auch wenn sie mich wegen Illegalität einsperren.

    Im Gefängnis kann ich arbeiten, ich habe schon im Gefängnis gearbeitet.

    Ich kann leben und mich aufhalten und hier bleiben.

    Ich will in einer guten Gesellschaft sein. Ich will hier bleiben.

    Ich will eine Chance bekommen. Zu arbeiten, zu leben, eine Familie zu haben.

    Wenn ihr die Möglichkeit habt, dann helft mir.

    Danke, dass ihr mir zugehört habt.

    X.V.

    Wir sind empört über die Abschiebung von Herrn V. Wir hatten gehofft, dass er nach allem, was er erleben musste, hier endlich zur Ruhe kommen kann. Nun wurde er in eine ungewisse Zukunft abgeschoben und zudem von seiner hier lebenden Freundin getrennt!

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    bga/blog/herr_v._aus_russland.txt · Zuletzt geändert: 22.07.2009 19:37 von euro
     
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