Bündnis gegen Abschiebehaft Rottenburg / Tübingen

Fahri Berisha nach 17 Jahren in Deutschland abgeschoben

Name: Fahri Berisha

  • Alter: -
  • wurde nach 17 Jahren in Deutschland in den Kosovo abgeschoben
  • war Tage inhaftiert in Rottenburg
  • Abschiebung hatte Familientrennung zur Folge

    (08.10.2008 11:03) Am 7.10.2008 wurde Fahri Berisha in den Kosovo abgeschoben. Der Roma war am 28.8.2008 mit seiner Familie in Frankreich inhaftiert worden und daraufhin knapp 6 Wochen in Abschiebehaft. Anfang 2008 war dem mehrfachen Vater und seine Familie die Abschiebung angedroht worden, obwohl er seit 17 Jahren in Deutschland gelebt hatte.

    In den Kriegswirren hatten sie alles verloren: Haus, Erwerbsgrundlage und die gesamte bisherige Existenz. Durch die Abschiebung ist die Familie getrennt worden. In einem ersten Telefonat brachte er v.a. seine Perspektivlosigkeit zum Ausdruck. Seine Frau und die Kinder haben unterdessen einen negativen Bescheid bzgl. der „Altfallregelung“ erhalten. U.a. wird dies damit begründet, dass sie sich ein halbes Jahr in Frankreich aufgehalten hätten. Damit hätten sie nicht - wie im Rahmen der Bleiberechtsregelung erforderlich - 8 Jahre dauerhaft in Deutschland gelebt. Auch sie sind damit mittelfristig von Abschiebung bedroht, obwohl die älteste Tochter seit 15 Jahren in Deutschland lebt und hier zur Schule geht!

    Wir sind zutiefst betroffen und protestieren aufs Schärfste gegen diese äußerst inhumane Abschiebung!


    Wir hatten um die Versendung der folgenden Protest-Emails an die angeführten Behörden gebeten.

    Bei Benutzung eines externen Emailprogramms kann einfach auf die unten stehenden Adressen geklickt werden.

    Ansonsten bitte den Text in das Emailfenster bzw. -feld kopieren und an die unten stehenden Adressen senden.

    Vielen Dank für die Unterstützung!


    Betr.: Drohende Abschiebung der Familie Berisha

    Innenministerium Baden-Württemberg
    Innenminister
    Heribert Rech
    innenminister@im.bwl.de

    Sehr geehrter Herr Rech,

    ich habe von der bevorstehenden Abschiebung der Familie Berisha erfahren. Die Familie ist vor den Kriegsfolgen 1992 aus dem Kosovo geflohen und lebt seit knapp 17 Jahren in Deutschland. Die drei minderjährigen Kinder sind alle in Deutschland geboren, dort zur Schule gegangen und sprechen nur deutsch.

    Während die Verwandten nach und nach Aufenthaltserlaubnisse und schließlich die deutsche Staatsbürgerschaft erhielten, wurden die Asylanträge der Familie Berisha negativ beschieden. Der Asylfolgeantrag wurde 1999 ohne Durchführung eines weiteren Verfahrens abgelehnt.

    Die älteste Tochter ist 15 und besuchte gerade eine Berufsschule, als im Januar 2008 behördlicherseits die Abschiebung des Familienvaters angekündigt wurde. Daraufhin gab die Familie erneut alles auf. Sie floh im Februar verzweifelt vor der drohenden Abschiebung, nicht zuletzt weil sie Grund zur Annahme hatte, dass sie im nach wie vor von Antizigonismus geprägten Kosovo Opfer von Gewalt werden könnte. Gegenüber der französischen Behörden hat die Familie Asylantrag gestellt und wahrheitsgemäß angegeben, dass sie 17 Jahre in Deutschland gelebt, aber keine Papiere bekommen habe. Ende August 2008 wurde die Familie dann zwangsweise nach Deutschland geflogen. Die kranke Mutter der Familie musste bei der Ankunft in Stuttgart ärztlich behandelt werden.

    Seither ist die Familie getrennt. Herr Berisha ist der Abschiebehaft unterworfen, seine Frau und die Kinder wurden im badischen Heimatort untergebracht. Die 15-jährige Tochter sagte uns: „Wir schlafen jeden Tag mit Angst vor der Polizei ein“. Können Sie sich die Ängste und Probleme dieser Kinder vorstellen, denen ein Neuanfang in einem fremden Land aufgebürdet werden soll? In so eine Situation sollten Kinder in Deutschland nicht gebracht werden!

    Ich bin betroffen vom Schicksal der Familie Berisha. Die Belastung, der diese Familie ausgesetzt ist, ist inhuman und muss vor allem im Hinblick auf das Wohl der Kinder und die Krankheit der Frau unverzüglich beendet werden. Die Abschiebung der Familie nach 17 Jahren in Deutschland ist unhinnehmbar. Ich fordere deshalb die umgehende Freilassung Herrn Berishas. Zudem darf die in einer familiären Notsituation beschlossene Ausreise nach Frankreich nicht als Hindernis für ein Bleiberecht gem. §104a AufenthG gewertet werden. Insgesamt deutet einiges darauf hin, dass im Schatten der so genannten 'Altfallregelung', Menschen besonders drastisch abgeschoben werden. Hier muss meiner Meinung nach unverzüglich Abhilfe geschaffen werden.

    Mit freundlichen Grüßen

    P.S.: Mehr Informationen zur Familie Berisha finden Sie unter der Adresse: http://gegen-abschiebehaft.org

    Adressen

    Mehr Informationen

    Roma von Abschiebung in den Kosovo bedroht

    (18.09.2008 09:07) Für Roma besteht eigentlich ein Abschiebestop in den Kosovo. Nach wie vor führt der virulente Antiziganismus und Hass im Kosovo dazu, dass der Alltag für Roma von alltäglicher Diskriminierung geprägt ist. Viele Roma wurden im Kosovo ermordet. Deshalb fürchtet Herr Berisha nicht zuletzt um seine Sicherheit. „Ich bin einverstanden in den Kongo, überallhin, nur nicht in den Kosovo“, sagt er bitter.

    Während die Verwandten nach und nach Aufenthaltserlaubnisse und schließlich die deutsche Staatsbürgerschaft erhielten, wurden Herr Berishas Asylanträge negativ beschieden. Der Asylfolgeantrag wurde 1999 ohne Durchführung eines weiteren Verfahrens abgelehnt.

    In der Abschiebehaft war Herr Berisha voll Sorge um die Zukunft seiner Familie, von der er getrennt wurde. Der dreifache Vater fürchtet, dass das Jugendamt der Mutter die Kinder wegnimmt, falls seine herzkranke Frau behandelt werden muss. Seine Kinder wären ohne Vater schutzlos.

    Eine weitere erstzunehmende Sorge von ihm war, dass von Serbien falsche Papiere ausstellt werden. Hinter dieser vermehrt berichteten Praxis steht das politische Interesse der serbischen Regierung, dass möglichst viele Menschen serbischer Staatsbürgerschaft in anderen Gebieten des ehemaligen Jugoslawien leben. Herr Berisha würde dann als Angehöriger des ehemaligen Kriegsgegners nach Serbien abgeschoben. „Wie kann ein Staat, der befeindet war, garantieren, dass ich sicher bin?“

    Auf die Bitte um Verständnis und eine genaue Prüfung seines Falls bekam er von Beamten nur die Antworten: „Zum Glück stecke ich nicht in Deiner Haut.“ „Ich bin nicht zuständig, Euch zu helfen, sondern Euch abzuschieben.“

    Im badischen Heimatort warten auf Herrn Berisha Frau und Kinder. Die 15-jährige Tochter sagte: „Wir schlafen jeden Tag mit Angst vor der Polizei“. Sie wissen, dass immer nachts abgeschoben wird. Sie erzählte von den Schwierigkeiten überhaupt wieder in der Schule aufgenommen zu werden. Ihr 8-jährige Bruder weine täglich und sei sehr verstört.

    Wir sind äußerst betroffen vom Schicksal der Familie Berisha. Die Androhung, sie als Roma in den Kosovo abzuschieben. Die Trennung der Familie ist inakzeptabel. Die Belastung, der die Familie ausgesetzt ist, muss vor allem im Hinblick auf die Kinder und die Herzkrankheit seiner Frau schnellstens beendet werden. Insbesondere darf die völkerrechtswidrige Praxis der serbischen Behörden, falsche Papiere auszustellen, von deutschen Behörden nicht ausgenutzt werden.

    So hat Herr Berisha seine Situation Anfang September selbst zusammengefasst:

    Mein Lebenslauf

    1992 bin ich mit meiner Frau und meiner Mutter nach Deutschland gekommen und wir haben Asylantrag gestellt. 1993 wurde unser Asyl als unbegründet abgelehnt. Seitdem habe ich mit meiner Frau eine Duldung erhalten, wo drin stand, dass ich nicht arbeiten darf. Ich war gerade 21. Dann habe ich am 4.8.1993 meine Tochter bekommen. Als ich Arbeit gefunden habe, hat das Landratsamt gesagt: Erst sollen sich die Europäer die Arbeitstelle anschauen. Wenn die die Arbeit nicht annehmen, dann besteht die Möglichkeit, dass du die Arbeit annimmst. Man hat nie die Chance bekommen, für seine Familie zu sorgen!

    Dann habe ich ein paar Straftaten begangen und zwar wegen verlassen des Landkreises (Residenzflicht) und fahren ohne Führerschein, auch Ladendiebstahl. 1998 wurde ich vom Amtsgericht Bad Säckingen zu einer Haftstrafe verurteilt. Ende 1999 bin ich auf Bewährung entlassen worden. Dann habe ich am *.*.2000 meinen Sohn bekommen. Ich habe mich wieder um Arbeit gekümmert. Aber ohne eine Arbeitsgenehmigung habe ich auch keine Chance gehabt zu arbeiten - für meine Familie selber zu sorgen.

    Dann habe ich wieder Straftaten begangen. Ladendiebstahl. 2006 bin ich beim Amtsgericht Balingen zu einer Freiheitsstrafe verurteilt worden. Als ich entlassen wurde, bin ich zum Landratsamt gegangen, um eine Arbeitserlaubnis zu bekommen. Das hat auch geklappt und ich habe einen Monat später auch Arbeit gefunden.

    Später ist meine Abschiebung gekommen. Ich musste meine Mutter allein lassen. Sie ist gehbehindert. Ich bin mit meiner Frau und meinen 3 Kindern nach Frankreich gegangen und habe Asylantrag gestellt. Die haben gesagt: Wenn Deutschland dich nicht zurück nimmt, dann besteht die Chance, als Roma aus dem Kosovo Papiere zu bekommen. Aber 6 Monate später hat Deutschland uns zurück genommen und mich in Abschiebehaft gesteckt. Meine Familie wurde in eine Wohnung gebracht. Ich bin jetzt 17 Jahre in Deutschland, meine 3 Kinder sind hier geboren. Sie wollen uns als Roma in den Kosovo schicken, obwohl keines meiner Kinder die Sprache im Kosovo spricht. Sie wollen mich wegschicken, obwohl Gefahr für Leben und Liebe besteht. Sie sagen: Wer Straftaten begangen hat, muss Deutschland verlassen. Ob wir da unten sterben oder leben das interessiert keinen.

    Mehr Informationen zur Situation von Roma im Kosovo: http://www.roma-kosovoinfo.com/

    Reaktionen

    (02.10.2008) Artikel im Schwäbischen Tagblatt

    Schwäbisches Tagblatt 02.10.2008


    (29.09.2008) Leserbrief Schwäbisches Tagblatt


    (27.09.2008) Artikel in der Badischen Zeitung (Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Heike Armbruster und der Badischen Zeitung)


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    bga/blog/roma_von_abschiebung_in_den_kosovo_bedroht.txt · Zuletzt geändert: 22.07.2009 19:44 von euro
     
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